Regulation

Direkte Kreditvergabe - Schutz vs. Freiheit?

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In Österreich findet gerade eine spannende regulatorische Diskussion[1] zur direkten Kreditfinanzierung von Unternehmen und NGOs statt. Das prominenteste Beispiel ist die Waldviertler Schuhwerkstätte[2]. Die FMA[3][4] (Finanzmarktaufsicht) wirft den Unternehmen verbotene, weil konzessionspflichtige, Bankgeschäfte vor und die Unternehmen/NGOs wehren sich. Ziele des folgenden Texts ist die Kontextualisierung und die differenzierte Darstellung der Standpunkte.

Klassisch gibt es vier Quellen der Kreditfinanzierung:

  1. Bankkredite und deren Derivate wie z.B. Leasing. Diese unterliegen dem Bankwesengesetz (BWG).
  2. Anleihen entsprechen am ehesten der direkten Kreditfinanzierung, sind jedoch aufgrund der hohen Kosten erst ab ca. 40 Mio. EUR Finanzierungsvolumen relevant. Die hohen Kosten entstehen durch die Prospektpflicht (Transparenz!). Hier gilt das Kapitalmarktgesetzes (KMG). Die Ausnahmeliste ist lang, wesentlich sind jedoch drei Kriterien: Volumina bis 100.000 EUR oder max. 150 Anleger oder qualifizierte Investoren die mind. 50.000 EUR einlegen.
  3. Lieferantenfinanzierung sind alle offenen Verbindlichkeiten des Unternehmens.
  4. Kundenfinanzierung sind alle Vorauszahlungen und Anzahlungen[5]. Kunden- und Lieferantenfinanzierung sind Kaufverträge, die nicht vom BWG betroffen sind.
  5. Mitarbeiter. Nicht klassisch, jedoch ist es auch eine kurzfristige Vorausfinanzierung, wenn das Gehalt am Monatsende bezahlt wird.

Die verkürzte Aufstellung (keine Mischformen mit Eigenkapitalfinanzierung etc.) zeigt, dass sich Unternehmen im unterschiedlichen Ausmaß durch verschiedene Stakeholder finanzieren. Der Unterschied ist nun, dass diese klassischen und “erlaubten“ Quellen deutlich erweitert wurden. Im bekanntesten Fall erhielten Kunden über Warengutscheine fixe Verzinsungen für Mittel die über 10 Jahre bereitgestellt wurden. Also eigentlich ein Bankkredit gemischt mit Kundenfinanzierung. Im zweiten Fall wurde ein Sparverein gegründet der dann in das Unternehmen investierte - eindeutig Kredit.

Geht es um den Schutz der Banken vor Konkurrenz?, den Schutz des Konsumenten? oder des Finanzplatzes? Was ist wichtiger, die Schutzfunktion oder die Freiheit der Bürger (freie Anlagemöglichkeit) und die der Unternehmen (freie Finanzierungsmöglichkeit)?

Was spricht für die Position des Gesetzes und der FMA als Ausführungsorgan?

  • Spareinlagen sind durch die Einlagensicherung bis zu € 100.000 pro Einleger gesichert. Dieser Begriff gehört daher geschützt. Es sollte jedem Konsumenten klar sein, wann er ins Risiko geht und wann er sich im geschützten Bereich befindet. Diesem Problem könnte durch eine exklusive Verwendung des Begriffs Spareinlagen durch die Banken leicht aus der Welt geschaffen werden.
  • Das zweite Argument scheint mir wichtiger. Ich kenne die wirtschaftliche Lage der genannten Unternehmen nicht, aber unterstelle Ihnen dass Sie gesund sind. Eine gesetzliche Änderung sollte aber auch dann vernünftig sein, wenn es dem jeweiligen Unternehmen schlecht geht. Angenommen ein Sanierungsfall (Nennen wir in Orbitx), bekommt nur noch Kredit zu sehr hohen Zinsen (15%) von den Banken oder keinen Kredit mehr weil die Ausfallswahrscheinlichkeit sehr hoch ist. Dieses Unternehmen könnte den Kunden in den Filialen Orbitx-Einlage mit 10% Verzinsung (z.B. Endfällig) anbieten. Ein tolles Geschäft, 8% mehr als bei meiner Bank. Kein normaler Kunde könnte die Bilanz von Orbitx interpretieren und verstehen, dass die 10% angesichts des Ausfallsrisikos viel zu wenig sind. Missbrauch würde Tür und Tor geöffnet werden.

Was spricht für die Position der Unternehmen/NGOs?

  • Das wesentliche Argument ist, dass es jedem Bürger und jedem Unternehmer freistellen soll, wie und für was das eigene Geld verwendet wird bzw. wie er sich finanziert. Auch der Transparenz (Mittelbarkeit zwischen Kreditnehmer und Kreditgeber) würde es gut tun.
  • Wenn Bankkredite nicht vergeben werden, braucht die Unternehmerin schlicht eine andere Quelle. Dieses Argument könnte mit Basel III und den aufgrund des steigenden Eigenkapitalbedarfs zu erwartenden Bilanzverkürzungen (Kreditverknappung) der Banken an Bedeutung gewinnen.
  • Die von der FMA vorgeschlagene Regelung (z.B. bei der NGO Jugend eine Welt), alle Kreditverträge mit Privaten umzustellen, damit diese Nachrangig (gegenüber Institutionellen Investoren) gestellt werden passt nicht zur Schutzfunktion der Einleger, sondern bewirkt das Gegenteil. 

Was ist uns wichtiger, der Schutz (Sicherheit) oder ökonomische Freiheit? Ich hoffe sehr und nehme an, dass es sich bei dem Gesetz nicht um eine bewusste Markteintrittsbarriere zum Schutz der Banken handelt. Aus einer ökonomischen Perspektive (Aufgaben einer Bank) handelt es sich zu 50% um Bankfunktionen. Es kommt zu keiner Fristen- oder Risikotransformation, jedoch doch irgendwie zur Losgrößentransformation und die Probleme rund um die Informationsasymmetrien (Monitoring des Kreditnehmers) sind nicht gelöst. Ich argumentiere ja meist für weniger Regulation, in diesem Fall bin ich aber noch unentschieden. Je stärker die Kreditverknappung jedoch wird, desto wichtiger werden Alternativen. Wie sieht Ihr den Weg? Direkte Kreditfinanzierung wirlich frei geben? Oder doch einen Mittelweg wie die Prospektanforderungen/-kosten für Anleihen verringern? Genossenschaftsgründungen erleichtern (Modell Deutschland)?

Alternativen?
22.11.12
Marion

Mittlerweile hat auch die Politik erkannt, dass KMU und NPOs in Österreich kein Geld mehr von den Banken bekommen -siehe:


http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20121122_OTS0227/lopatka-darlehensfinanzierung-im-sinne-der-eza-regeln


http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20121122_OTS0190/crowdfunding-matznetter-buergerbeteiligung-an-unternehmen-muss-erleichtert-werden


Für mich ist es nicht wirklich eine Frage "Schutz vs. Freiheit" sondern eine Frage der Möglichkeit der Finanzierung. Oder welche Alternativen haben KMUs heute noch, wenn es darum geht, eine gute und leistbare Finanzierung zu bekommen?
Bei gemeinnützigen Organisationen ist es oft noch schwieriger. Einen Rahmen ohne nötige Sicherheiten zu verhandeln, ist nicht einfach.
lg Marion



Missbrauchsgefahr als Luxusthema bei Kreditknappheit?
22.11.12
Ralf

Auf das Hauptargument gegen die Öffnung nämlich den potentiellen Missbrauch bist du noch nicht eingegangen. Oder sind die Finanzierungsquellen deiner Meinung nach mittlerweile so knapp, dass die Gefahr des Missbrauch ein Luxusthema ist?


Das die Politik aufspringt reicht mir als Argument noch nicht. Jedes Bashing gegen die Banken und oder die FMA kommt gerade ja beim Wahlvolk gut an.


Wie sollte deiner Meinung die Öffnung aussehen? Wie sieht das Optimum aus? Du hast ja sicher konkrete Vorstellungen aus deiner praktischen Arbeit


Ich schreibe ja mein Diss über P2P Kreditplattformen und sehe grundsätzlich diese Alternativen positiv...



Neue Bedürfnisse
24.11.12
Max

In der Debatte um die Finanzierung von GEA durch Privatdarlehen wird vor allem ein neues Bedürfnis sichtbar - ganz im Sinne der Beiträge zum Individuum. Die beteiligten Menschen und Unternehmen wollen ihre Verantwortung im Umgang mit Geld wahrnehmen. Das können sie nur über die Beziehung zur jeweiligen Gegenpartei. Daher stellt sich mir die Frage ob das gut und verantwortbar ist erst in zweiter Linie. Eine Regulierung (Einlagensicherung,...) würde ja bedeuten, dass man den Menschen vor sich selbst schützen will - und verhindert damit, dass er die Verantwortung für seine Handlungen übernehmen kann. Das ist ungefähr so, als würde man jemandem verbieten kochen zu lernen, mit dem Argument: der Herd ist heiss, du könntest dich verbrennen (Kehrseite der Prohibition). Zugleich ist klar, dass es Schutzbestimmungen braucht (ein Herd darf auch nicht zu einem Hausbrand führen). Die erste Frage ist daher: wie und mit welchen Instrumenten kann dem Bedürfnis entsprochen werden?


Ein sehr gutes Instrument sind Treuhandkredite, bei denen ein Treuhänder (meist eine Bank) zwischen Geldnehmer und Geldgeber vermittelt und die Administration übernimmt. Allerdings kommt es auch zu bankähnlichen Geschäften bzw. Geschäften im Sinne des BWG, wenn eine gewisse Anzahl von entgegengenommenen Privatdarlehen überschritten wird. Wenn ein Fonds dazwischengeschalten wird, endet man wieder in der Prospekthaftung. Ralf hat schon eine Reihe Argumente und Perspektiven zusammengestellt. Marion betont das Bedürfnis der KMUs und NGOs. Aus meiner Erfahrung und dem Beispiel GEA wird auch das Bedürfnis der Anleger sichtbar. Das letztere Bedürfnis ist sicher auch eine Konsequenz der Erfahrungen seit 2007. Die vollständig anonymisierte Investition ist für immer mehr Menschen keine Sinnvolle Möglichkeit mehr. Finanzprodukte die keiner Versteht werden mittlerweile a priori als risikoreich angesehen.


Die FMA kann nur auf Basis der herrschenden Gesetze handeln und sie ist ordentlich unter Druck. Man könnte sich wünschen, dass der Gesetzgeber vorhandene sinnvolle Bedürfnisse aufgreift und entsprechende rechtliche Grundlagen schafft. Aber diese Form von Staatsversagen, in der nicht tatsächliche Bedürfnisse aufgegriffen, sondern nur Gesetzeslücken geschlossen werden, ist uns ja hinlänglich bekannt.


Es bleibt also nur, nach Instrumenten zu suchen, die man so biegen bzw. verwenden kann, dass dem aktuellen Bedürfnis entsprochen wird. Das ist schon eine schwierige Situation, denn es wird einmal mehr klar, dass der Mensch mit seinen individuellen Bedürfnissen immer weniger in das vorgegebene rechtliche Schema passt (Reality Bites).



Generell einverstanden
26.11.12
Ralf

....also dein Bild hat mich überzeugt. Fein klassisch, dass du ein Herd/Ofen-Gleichnis dafür verwendest. Also Freiheit vor Schutz - wie immer.


Wie sieht aber dein konkreter Vorschlag aus? Du referenzierst ähnlich wie Marion an den Gesetzgeber. Es gibt ja nun (siehe Links von Marion) konkrete Vorschläge aus der Politik. Nämlich die Prospektpflichten und Kosten herabzusetzen. Reicht das? Wie sieht dein Optimum aus?


Mir scheint der Vorschlag der Herabsetzung der Prospektpflichten (http://www.fma.gv.at/de/verbraucher/prospekte.html) als vernünftig und gangbar. Was mich noch interessieren würde, wäre wieso ein Prospekt oder ab 35.000 EUR kostet (dieser Wert wird immer wieder genannt?). Ein Tagessatz Wirtschaftsprüfer ist leicht um unter 1.500 EUR zu bekommen. Dann kommen noch ein paar Anwaltsstunden dazu (sind ja alles Standardklauseln), dann noch Design und Druck. Aber mir scheint, als ob das auch um 8.000 EUR machbar ist.



zurück zum Ursprung
26.11.12
Marion

Das Wort „Kredit“ kommt vom lat. „credere“ und heißt so viel wie „Vertrauen, Glauben“. Was bewegt eine/n Anleger/in in GEA oder Jugend Eine Welt (bei letzterem sogar zinsenlos) zu investieren? Diese Investoren vertrauen den beiden Unternehmen und glauben an den Unternehmenszweck sowie an die Rückzahlungsfähigkeit ihres eingesetzten Kapitals. Gleichzeitig hat das Vertrauen in die Banken massiv abgenommen.


Zum Schutz: In wie weit kann der Schutz gehen? Soweit, dass ich selbst nicht entscheiden darf, wem ich mein Geld zur Verfügung stelle? Ich gehe davon aus, dass die AnlegerInnen bewusst ihr Geld den beiden Unternehmen zur Verfügung stellen und auch das Risiko kennen, nämlich im Konkursfall ihr Geld nicht mehr zurück zu bekommen. Der AnlegerInnenschutz ist so ausgeartet, dass AnlegerInnenvermögen auf Kosten des Steuerzahlers gerettet wird (siehe Finanzkrise). Ist aber eine andere Diskussion.


Ein Beispiel: Um der Prospektpflicht zu entgehen, kann man bei einer Anleihe die Zeichnung auf >= EUR 100.000,- festsetzen. Ich, als Privatanlegerin, verfüge nicht über EUR 100.000,- und könnte nicht einmal mit 10 Personen gemeinsam einen Anteil zeichnen, auch wenn ich über das volle Risiko aufgeklärt bin, denn ich müsste die Mittel zusammen sammeln und wäre dann wieder mit dem BWG /KMG konfrontiert. Als akad. Betriebswirtin denke ich, dass ich gewisse Risiken einschätzen kann. Ich unterschreibe das auch gerne. Nichtsdestotrotz werde ich durch den Schutz entmündigt, denn ich darf trotzdem nicht investieren. Detto bei GEA: Ich investiere mein Geld mit dem vollen Risiko gerne und soll es nun nicht mehr dürfen?? Interessant wäre natürlich die Struktur der GEA-AnlegerInnen: ich rate mal: eher Gebildete, schon längst KundInnen und wohl auch mehr weibliche AnlegerInnen.


Schutz Teil 2: Warum hat man kleine österreichische Häuselbauer Franken- und Yen-Kredite en masse verkauft. Wo war da der AnlegerInnenschutz?


Gier: Fälle wie AvW und Co haben wohl mehr mit Gier zu tun – möglichst hohe Renditen wurden versprochen. Da ging es nicht um Inhalte! Deshalb braucht es hier auch eine Unterscheidung. Bei GEA und Jungend Eine Welt geht es mehr um Inhalte als um Profite (auch wenn 4% bei GEA doch recht hoch sind). 


Lösungen: Ja, an der Prospektpflicht müsste man drehen und gleichzeitig Transparenz einfordern. Und hier kommen wir wieder zu den Spendenorganisationen, die sehr transparent über die Verwendung der Spendengelder sein müssen, um das Spendengütesiegel zu bekommen. Dazu gehört auch die jährliche externe Wirtschaftsprüfung. Denn natürlich sind auch SpenderInnen nicht vor Missbrauch gefeit (leider gab und gibt es hier auch immer wieder schwarze Schafe). Also, warum nicht mehr Transparenz bei KMUs und ein Gütesiegel?


Details dann, sobald ich in den Untiefen bin ;D.


Und warum zurück zum Ursprung? Credere – Vertrauen, Glauben sind elementare Bestandteile beim Wirtschaften wie auch in der Politik. Wie finden wir dorthin zurück?


Lg Marion



Prospektpflicht, Transparenz und Intermediär
26.11.12
Max

Wie sähen konkrete Vorschläge aus? Ich sehe ein, dass das natürlich der springende Punkt ist. Eine Möglichkeit ist natürlich eine reduzierte Prospektpflicht - wobei ein Prospekt für mich immer die zweitbeste Lösung ist. Da stellen dann potentielle Emittenten ein paar Zahlen im schönen Design zusammen. Auch wenn ich das eine brauchbare Lösung finde - ich mag Prospekte nicht. Sie stellen die Investoren vor ein Plakat, aber was sich dahinter verbirgt bleibt im Dunkeln. Es ist daher trotz Prospekt äußerst schwer, sich ein fundiertes Bild zu machen.


Was mir viel wichtiger scheint (ganz im Sinne der unbedingt notwendigen Vertrauensbildung die Marion anspricht): Einblicke in die Arbeit, die Geschäfte, die Strategien zu gewähren. Und zwar in regelmäßigen Abständen. Ein mündiger Investor/Investorin kann sich dann selbst ein Bild machen. Ich würde hier aber noch einen Schritt weiter gehen und etwas Ähnliches wie eine Treuhandstelle einrichten. Mit dieser Treuhandstelle (die die Administration und vertragliche Abwicklung macht) können dann nichtakademische Investoren, bzw. solche die nicht so den Durchblick haben, über die Risiken und die Geschäftsentwicklung sprechen. Die Treuhandstelle hat vor allem die Aufgabe, den Informationsfluss sicherzustellen und beide Seiten zu beraten. Das Risiko der Treuhandstelle besteht in der Reputation, daher gibt es einen starken Anreiz gut zu informieren. Die Treuhandkommission muss dabei reguliert werden, da sonst fragwürdige Anreize geschaffen werden. Zusätzlich können Treugeberinnen auch anonym bleiben - das kann in bestimmten sozialen Konstellationen von Vorteil sein (z.B. Darlehen von Mitarbeitern,...).


Im Sinne einer Prospektpflicht können durchaus Mindeststandards für die zugrundeliegenden Informationen definiert werden. Das kommt insgesamt dem Vorschlag von Marion (Prospektpflicht und Transparenz) glaube ich recht nahe. Vertrauensbildende Transparenz kommt aber schwer durch Transparenz im Sinne der Nachvollziehbarkeit zustande, sondern eher durch Transparenz im Sinne des Durchscheinens - wo man auf die Tatsachen selbst schaut und nicht nur auf deren Zahlenmäßigen Ausdruck. Diese Transparenz im Sinne des Durchscheinens von etwas bedarf aber der menschlichen Beziehung. Daher würde ich statt Zertifikaten (oder besser eigentlich zusätzlich zu Zertifikaten) periodische Begegnungsmöglichkeiten schaffen. Einen Anlegertag z.B. Die wiederholte Begegnung und - um netzwerkanalytisch zu sprechen - die Einbettung der Beziehungen in Dreiecke schafft Vertrauen. Dadurch kann die Investitionssumme stabil gehalten werden und durch den geringeren Risikoaufschlag wird auch der Zinsaufwand sinken. Ich Denke Anonymität ist Gift für den Finanzsektor!



Mehr Anleihenfinanzierung, mehr Begegnung und Vertrauen aber keine Gütesiegel für KMUs
26.11.12
Ralf

Marion, mir gefällt dein Hinweis auf das Vertrauen extrem gut. "Trauen" - also nochmals ein Argument gegen zuviel Schutz -Ich bin überzeugt. Stimme auch zu, dass in der Vergangenheit bei den Fremdwährungskrediten einiges falsch lief, aber das ist ja auch Vergangenheit und keine Rechtfertigung jetzt den Einlegerschutz total aufzuweichen. Mit deinem Gütesiegel für KMUs kann ich mich nicht so anfreunden. Eine weitere Prüfungsorganisation, die KMUs haben ohnehin schon die Wirtschaftsprüfer, dann auch noch einen Corporate Social Responsibility Berater und jetzt auch noch eine Organisation die nach einem weiteren Audit ein Gütesiegel einführt. Das Gütesiegel ist super für NGOs aber nicht für die KMUs (dort reicht eine Bilanz).


Wir diskutieren jetzt alle in die Richtung Anleihenfinanzierung ist der richtige Weg. Dafür müssten "nur" die Prospektkosten heruntergesetzt werden. Wie? Ich denke, dass der Markt hier einfach nicht effizient ist. Habe jetzt nach langem "googlen" keine konkreten Preise gefunden. Total intransparent. Kein Wunder, dass ein Prospekt mind. 35.000 EUR (oder wieviel auch immer) kostet. Damit würde die klassische Kredit- und Sparsphäre den Banken erhalten bleiben und die direkte Kreditfinanzierung würde geöffnet werden.


Vielleicht eine gute Sache für ein nächstes Projekt: Eine Plattform mit Banklizenz, die hilft günstige Prospekte zu erstellen und bei der Vermarktung der Anleihen hilft. Max, Treuhandkredite wie von dir beschrieben wären ja ähnlich wie diese Plattform, oder? Was ist noch der Unterschied zu einer reinen Vermittlerfunktion? Wieso brauche ich die Treuhand? Eine Plattform würde auch von der Reputation leben. Was mir gefällt ist das zusätzliche Element, des tatsächlichen "Kennenlernens", obwohl ich glaube, dass nur wenige Menschen das in Anspruch nehmen. Denke auch, dass es im 21Jhdt. neben Besuchertagen noch weitere Möglichkeiten gibt um Transparenz zu erzeugen. Nichts ersetzt ein persönliches Gespräch sicher, aber Internet oder das Kennen der Produkte überbrückt auch Anonymität. Auf Zahlen zu verzichten und nur auf Besuchertage zu setzten wäre genauso falsch. Was bedeuted es schon, wenn ich ein Unternehmen besuche und dort sind alle glücklich und nett, aber das Unternehmen ist total überschuldet. Also wenn dann Beides (Prospekt+Anschauen).


Das war jetzt der Diskussionsstrang - Kreditfinanzierung vs. Anleihenfinanzierung. Mir gefallen auch die Lösungsansätze die Gründung von Genossenschaften zu erleichtern und mehr Kundenfinanzierungsmöglichkeiten zu schaffen (max Tranparenz. den ein Kunde kennt das Prodiukt) . Max, weißt du wie das Thema mit den Genossenschaften in der Schweiz ist? Gibt es für die auch wie in Deutschland eine Ausnahme von der Prospektpflicht? Es wird angeblich in D-Land, angenommen, dass die intere Prüfung bei Genossenschaften streng genug ist..



Transparenz und Schutz
27.11.12
Marion

Die Fragen, die wir also bearbeiten müssen, sind die folgenden



  • Wie schaffen wir Transparenz?

  • Wie schütze ich den Anleger/die Anlegerin vor Missbrauch?


Zum Thema Transparenz: Das Spendengütesiegel ist keine Extra-Prüfung, sondern wird im Rahmen der externen Wirtschaftsprüfung gemacht. Es sind nur zusätzlich zu den üblichen Arbeiten eines Wirtschaftsprüfers, weitere Inhalte zu prüfen, wie die Verwendung von Spenden gemäß Auftrag des Spenders (z.B. die Spenderin spendet für ein Straßenkinderprojekt in Ecuador – es muss gewährleitet sein, dass die Spende auch zu diesem Projekt ging). Ich kann mir also vorstellen, dass im Rahmen einer externen Wirtschaftsprüfung dezidiert die Verwendung des Darlehens geprüft wird. Achtung: jeder Wirtschaftsprüfer hat mittlerweile in seinen AGBs, dass er nicht beauftragt wird, um Missbrauch zu entdecken, sondern um die Einhaltung nach UGB, IFRS etc. zu prüfen. Also, rein buchhalterisch….


Zum Thema Anlegerschutz: Die Idee mit der Treuhandstelle finde ich gut. Wie finanziert sich diese? Zahlt dann wohl das KMU? Interessenskonflikt? Oder zahlt der/die AnlegerIn für die Leistung? Vielleicht zahlt da auch der Staat mit (siehe FMA).


Zu den periodischen Begegnungsmöglichkeiten: finde ich auch gut und wird von den AnlegerInnen gewünscht. Diese Arbeit wandert dann aber oft in die Marketing-Abteilungen von Unternehmen. Da muss man wieder aufpassen, denn Marketing hat wohl die Aufgabe, die guten Dinge möglichst gut darzustellen und die schlechten nicht zu erwähnen. Hier bräuchte es wohl klare Vorgaben und die „Treuhandstelle“ wird wieder wichtiger. Der Kontakt mit dem/der AnlegerIn ist aber essentiell. Ich sehe das in meiner täglichen Arbeit. Wir sind ja nicht anonym für unsere DarlehensgeberInnen. Die kennen uns, rufen uns an, kommen zu diversen Feierlichkeiten oder schauen einfach mal im Büro vorbei. Dadurch entsteht Vertrauen.


Zur Prospektpflicht: Das Prospekt für eine Anleihe kann ja auch bald nur mehr ein Jurist lesen. Die Firmen, die eine Anleihe mit Prospekt begeben, müssen dieses auf ihre HP stellen. Man findet also auch einiges im Internet. Teilweise sind das Unterlagen mit 180 Seiten und mehr. Kann das ein Anleger lesen? Und die FMA schaut nur, ob die Richtlinien eingehalten werden und prüft keine Inhalte!? Warum kostet ein Prospekt so viel? Die Juristen und Wirtschaftstreuhänder müssen für ihre Arbeit entlohnt werden. Denn der Prospekt muss den Richtlinien der FMA entsprechen. EUR 35.000,- ist sicher am unteren Ende angesetzt. Folgende Rahmenbedingungen sollten für alternative Finanzierungsformen geklärt werden:



  1. Max. und min. Anlagesumme pro AnlegerIn (min. EUR 5.000,- max. EUR 50.000,-

  2. Max. Gesamtvolumen (mehr als 5 Mio. EUR sollten es wohl nicht sein)

  3. Transparenzvorgaben - siehe oben (muss man ausarbeiten), aber Kosten und Rückzahlungspläne

  4. Klare Risikoaufklärung der AnlegerInnen – keine Einlagensicherung!

  5. Inhalt der Finanzierung (Verwendungszweck - z.B. Photovoltaikanlage, Halle, Schule, Maschine etc., also ganz klar definierte Unterfangen)


Es sollte vermieden werden, Überreglementierung zu schaffen und erst wieder den gleichen Aufwand zu erzeugen, der bei der Erstellung eines Prospektes entsteht. Viel kann wohl über den externen Wirtschaftsprüfer gemacht werden (der kennt schließlich das Unternehmen). Die Jahresberichte sollten dann auch auf der HP zu finden sein.


Und, und, und, und….



Mehr "kleine" Anleihen und mehr Eigenkapital
29.11.12
Ralf

Wenn ich die Kriterien noch um den Punkt der persönlichen Interaktion anreichere, komme ich auf die folgende Liste für “kleine Anleihen“:



  1. Anlagesumme pro AnlegerIn zwischen EUR 5.000,- und EUR 50.000,-

  2. Gesamtvolumen mit maximal  EUR 5 Mio. - In Kombination mit Punkt 1 würde das somit eine öffentliche Anleihe sein und eine Lücke schließen, da genau diese öffentlichen Anleihen normalerweise erst ab EUR 30. Mio. starten.

  3. Transparenzvorgaben. Jedoch deutlich weniger als in den derzeitigen Prospektanforderungen, wenn es eine direkte Interaktion mit dem Unternehmen gibt. Die persönliche Interaktion kann verschiedene Formen haben, z.B. eine langjährige Kundenbeziehung oder der Besuch von Informationsveranstaltungen.

  4. Klare Risikoaufklärung der AnlegerInnen – z.B. keine Einlagensicherung/Ausfallsrisiko von 100%

  5. Klarer Verwendungszweck


Die gesetzliche Landschaft zur Anleihenfinanzierung ist recht unübersichtlich/verteilt auf verschiedene Gesetze (BGB, KMG, Kuratorengesetz, etc.). Eine Übersicht mit allen relevanten Gesetzen wäre hilfreich. Anleihen boomen übrigens in Österreich und die weitere Öffnung würde den Boom sicher noch unterstützen.[1]. Da stellt sich die Frage, ob wir wirklich mehr Fremdkapital im Markt brauchen oder ob nicht gleichzeitig oder verstärkt die eigenkapitalnahen Instrumente ausgebaut werden sollten. Mehr Genossenschafts- oder Eigenkapital – auch von nicht institutionellen Investoren.




Anleihen boomen - und warum?
29.11.12
Marion

Lieber Ralf,


danke für die Ergänzung!


Warum aber boomen Anleihen? Ich traue mich hier eine These aufzustellen: Anleihen sind für Banken das bessere Geschäft, da sie hier keine Haftung übernehmen müssen und für die Abwicklung eine schöne Gebühr bekommen (%-Satz des Anleihevolumens). Bei Krediten muss das Risiko von der Bank getragen werden. Bei Anleihen tragt es der Käufer/ die Käuferin.


Gleichzeitig frage ich mich, ob das nicht auch mit der Kreditklemme zu tun hat?


Was meint ihr?


lg Marion



Die bösen Banken
29.11.12
Ralf

Würde die Diskussion ja lieber zur unseren 5 Punkten weiterführen....Aber gut, meine Antwort zu deiner These. Das die Kreditklemme Teil des Booms beantwortet, sehe ich auch so. Aber nur einen Teil. Für viele Unternehmen ist die Anleihe die günstigere Alternative.


 


Zuerst nochmal Allgemeiner. Lese ich deine Frage richtig? "Banken sind Böse" Dafür würde wir zuerst eine prinzipielle Klärung brauchen, ob es “böse“, wenn Banken profitable Anleihen (statt weniger profitabler Kredite) verkaufen. Ich halte es nicht für "böse" und auch ihr als NGO seit wahrscheinlich froh, dass irgendwo mal irgendwer Profit gemacht hat, ansonsten könnten die Menschen euch ja kein Kapital zur Verfügung stellen.


Die zentrale Frage dahinter: Sind Banken verantwortlich: a) Profite zu machen (reine Marktwirtschaft) oder b) Günstig Kreditkapital zur Verfügung zu stellen (Chinas Banken….oje oje, das wird noch ein Spaß) oder c) Irgendeine Mischform (Gemeinwohl mit Profit, Banken einer Interessengruppe). Würde sagen, dasss die Antwort und die Mission von der jeweiligen Bank abhängt (Sparkasse/Genossenschaft vs. Aktiengesellschaft) Aber wie gesagt andere Diskussion. Ich spiele jetzt mal den Advocatus Diabolus und verteidige die Banken mit ein paar Eckpunkte (bewusst "leicht" überzogen):



    1. Bilanzen müssen schrumpfen (Zu wenig Eigenkapital für Basel III und außerdem sind die Banken im Vergleich zum BIP sehr groß und daher ein Risiko “too big too fail“). Schrumpfen heisst weniger Kredite vergeben....also Kreditklemme, wenn die Nachfrage da ist.

      Aber: Banken die Kredite zurückfahren sind "böse", da sie die Kreditklemme verursachen. Banken die pleitegehen, weil sie aggressiv (oder großzügig) Kredite vergeben haben um schnell zu wachsen, sind besonders „böse“ (Hypo Alpe Adria)


    2. Banken sollen Gewinne machen, damit das EK steigt und Basel III erfüllt wird. Wir hätten gerne Banken mit 15% EK (oder wie viel auch immer…aber mehr)

      Aber: Banken die besonders hohe Gewinne machen sind böse weil gierig….dann bleibt nur noch, dass wir zwangsweise Nachschusspflichten einführen...


    3. Unternehmen wollen Anleihen da diese momentan oft günstiger sind (Die Bonität vieler Unternehmer ist besser, wie jene der Banken). Investoren wollen derzeit Unternehmesanleihen, weil es bei Staatsanleihen keine Zinsen mehr gibt.

      Aber: Banken sind böse weil Sie Anleihen (der Nachfrage entsprechend) pushen, Kredite zurückfahren (Bilanzen schrumpfen), Risiko rausnehmen und Gewinne machen  und somit sicherer werden.

    4. Banken sollen keine Ausfälle haben (kein Risiko nehmen)

      Aber: Banken sollen an KMUs, Startups und Vereine günstige Kredite vergeben und keine Sicherheiten verlangen...



Habe ich das richtig verstanden, dass ich für Anleihen prinzipiell keine Bank benötige? Oder nur bei öffentlichen Anleihen. Das würde mich interessieren...habe aber kein Gesetz dazu gefunden



Gut oder Böse, Schwarz oder Weiß
29.11.12
Marion

Gut oder böse, schwarz oder weiß? Das Leben ist glücklicherweise facettenreicher und bunter.


Banken sind nach wie vor eine wichtige Institution in einer entwickelten Volkswirtschaft. Gerade in Entwicklungländern merkt man oft, dass das Fehlen eine funktionierenden Bankensystems viele Limitationen mit sich bringt.


Ja, zu Banken, die Kreditvergabe, Verwaltung von Spareinlagen und den Handel von Wertpapieren (pro Wirtschaft) gewährleisten.


 



fein..
30.11.12
Ralf

…, dann sehen wir es gleich: Es ist komplexer und bunter. Mir wird momentan einfach zu viel undifferenziert kritisiert. Kann die Emotionen schon verstehen und es ist in der Tat genug verbesserungswürdig, bin aber ein Freund der konstruktiven Kritik.


Danke für den Link zur Oikocredit. (http://www.oikocredit.org/en/who-we-are/annual-report). Du meintest, dass das eine Bank mit 85% EK ist. Das finde ich spannend. Habe das Gefühl, dass sich damit eine neue separate Frage für mich auftut. “Mehr Eigenkapitel oder mehr Fremdkapital“. Momentan diskutierten wir ja Anleihen statt Kredit. In Wirklichkeit sind die Unterschiede für das Unternehmen marginal. Gesamtgesellschaftlich anicht, denn es kommt damit auch zu einer Reduktion der Banken und der Geldschöpfung (? Oder?). Das Themen der hohen Schulden bleibt aber unverändert. Privat-/Unternehmens-/+Staatsschulden machen im Durchschnitt in vielen westlichen Ländern 3-4 Mal des BIPs aus. Schulden sind anfälliger auf Volatilität wie Eigenkapital und machen Systeme daher fragiler. Wäre doch spannend mal durchzudenken, was ein richtiger EK push bedeuten würde. Sozial, wirtschaftlich etc. Werde mal ein Eröffnungsartikel schreiben.


Happy Weekend!



Treuhand(darlehen) vs. Obligation vs. Eigenkapital
02.12.12
Max

Marion hat die Finanzierung der TH-Stelle angesprochen. Ich denke es kommt nicht so sehr darauf an, da Kostenträger immer die Geldnehmer sind. Wir haben in der Schweiz grundsätzlich eine Kommission für Treuhandnehmerinnen. Interessenskonflikt ist daraus aus meiner Erfahrung keiner erkennbar. Aus Gründen des Reputationsrisikos muss die TH-Stelle immer einen scharfen Blick auf die TH-Nehmer haben.


Zum Thema Infoveranstaltungen: Ich gebe Marion hier absolut recht. Jedes Unternehmen nutzt das als Marketingplattform und tendiert dazu, den Geldgeberinnen Sand in die Augen zu streuen. Als TH-Stelle hat man da schon die Aufgabe, Themen klar anzusprechen und zu bohren. Versäumt man diese Pflicht, bekommt man das postwendend von den TH-Gebern zurück. Wie du sagst: auch ein wichtiger Punkt, der für diese TH-Konstruktion spricht.


Der Fall GEA:


1. Was meint ihr passiert im Konkursfall. Würde keine Anlegerin mit dem Argument "ich dachte es sind Spareinlagen, dabei ist es ja hochriskantes Investment" den Rechtsweg beschreiten? Ich bezweifle das sehr. Wenn das Geld weg ist, sind Sparer oft unerbittlich. Daraus ergibt sich die unbedingte Notwendigkeit der nachvollziehbaren Risikoaufklärung - die fraglich ist, wenn es sich um "Spargelder" handelt.


2. Ich denke GEA hätte gut daran getan, vor Einführung der Kundenkredite entsprechende Rechtsabklärungen durchzuführen. Jetzt stellt er die Aufsicht vor vollendete Tatsachen und lässt ihr im Prinzip keine Chance, da eine klare Übertretung des BWG stattgefunden hat und die Aufsicht reagieren muss. Da hilft das Argument (ich übertreibe) "Wir sind aber gut" nicht - weil vor dem Gesetz sind alle gleich... Wie würden wir die Situation beurteilen, wenn nicht GEA, sondern Kraft Foods, Pfizer, Siemens,... in dieser Situation wären? Damit will ich nicht den Bedarf nach neuen Möglichkeiten hinterfragen - der ist unbestritten.


Prospekt vs. Tätigkeit im Sinne des BWG: Zu klären wäre noch, ob die treuhändische Abwicklung (da geht es jetzt nicht um Obligationen mit Prospektpflicht, sondern um Treuhanddarlehen ohne Prospektpflicht) von Privatdarlehen ab einem gewissen Volumen (bzw. Anzahl) des Treuhandnehmers als Tätigkeit im Sinne des BWG gilt. Mit anderen Worten: ob die Abwicklung über eine Treuhandstelle vom BWG befreit. Wie wir bei Obligationen das Thema Prospekt haben, so haben wir bei der Treuhandversion das Thema Tätigkeit im Sinne des BWG. Für diese Frage wäre der Kommentar von Jurist/Innen interessant!


Eigenkapital vs. Fremdkapital: Ich denke diese Unterscheidung ist sehr wichtig. Da gilt es speziell auf die Risikofähigkeit der Anlegerinnen einzugehen. Eigenkapital trägt immer ein höheres Risiko als Fremdkapital - ob Genossenschaft, AG oder was auch immer. Daher bedarf es immer beider Wege. Jemandem Eigenkapital als Sparanlage zu verkaufen, der nicht die nötige Risikofähigkeit mitbringt, ist meiner Meinung nach gefährlich. Unter Umständen geht es dabei um wesentliche Teile einer Altersversorgung (auch wenn man das Kapitaldeckungsverfahren als Konzept absurd und schädlich findet - es ist mittlerweile leider Realität). Wenn es um Commitment und inhaltlicher Beteiligung geht ist das (im Rahmen der Risikofähigkeit) natürlich ein gutes Thema.



Direkte Begegnung und Kapitalkosten
02.12.12
Max

Die Erfahrung zeigt, dass in anonymen Beziehungen (klassische Bankbeziehungen) jeder seinen eigenen Nutzen maximiert. Es fehlt die gegenseitige Wahrnehmung und Korrektur. Ein erster Schritt ist immer die unpersönliche Wahrnehmung. Darüber kommt man der Sache etwas näher. Starkes Interesse und Verbindlichkeit entsteht erst durch die direkte Begegnung. In der direkten Begegnung pendeln sich dadurch auch die Kapitalkosten/Erträge anders ein als auf dem anonymen Markt - auch wenn der immer als gewisse Referenz präsent ist. Wichtig ist, dass mit der Beziehungsstärke der Markt als Referenz schwächer wird. Zugleich werden die Bedürfnisse, Ideen, Erträge, Risiken,... als Referenz stärker. These: Das optimum liegt dort, wo die Kapitalkosten sich direkt aus der Verhandlung von individuen ergibt. Marktzinsen stellen in der Regel kein Optimum dar. Fazit: Wir brauchen ein Finanzsystem, das auf der persönlichen Beziehung beruht. Ralf ich weiss: Risikotransformation, Losgrössentransformation, Fristentransformation und Allokation. Naja, da müssen wir eben kreativ sein, um entsprechende Lösungen zu finden - und das tun wir ja gerade ;-)



über den Tellerrand
02.12.12
Marion

In Sachen Treuhand stellen sich für mich folgende Fragen:



  • Gibt es schon eine Treuhandstelle in Österreich, die diese Funktion übernehmen kann? (Konsumentenschutz?)

  • Muss diese Treuhandstelle eine Banklizenz im Sinne des BWG haben?

  • Welches Angebot wickelt diese Stelle ab?


Ich habe noch keine Antworten, werde aber danach suchen.


Die Aussage von Max, es braucht ein Finanzsystem, das auf persönlichen Beziehungen beruht, finde ich ganz wichtig. Sehe das auch so. Interessanterweise bewegt sich unser System davon weg. Immer mehr Automaten sollen die Tätigkeit von Bankangestellten übernehmen. Ich wundere mich, wie viele neue Geräte da mittlerweile in den Banken installiert wurden (Münzzähler, Überweisungsautomat etc.) und bin gespannt, wo diese Entwicklung hinführt.


Auch wenn Online-Banking schon zum Standard geworden ist, vielleicht braucht es dann auch Online-Beratung. Morgen mache ich mir dann gleich einen Skype-Termin mit meinem Bankberater aus ;-).


Und nochmal zu GEA: auch wenn nicht alles im Rahmen der Gesetze gelaufen ist, braucht es manchmal solche Überschreitungen, damit Entwicklung möglich wird. Es zeigt doch auch auf, dass hier neue Modelle gefragt sind. Die bestehenden Modelle wären, soweit ich das nun beurteilen kann, keine Option gewesen (Kosten bzw. Aufwand in Relation zu Nutzen zu hoch). GEA hat auch neue Gelder abgelehnt, als das Vorhaben ausfinanziert war. Fazit: Manchmal muss man über den Tellerrand hinausschauen, damit Fortschritt möglich wird. Manche Personen gehen da ein hohes persönliches Risiko ein, denn die Strafe droht dem Geschäftsführer von GEA, der auch privat haftet.


Ich hoffe, dass nun die Zeit da ist, die bestehenden Richtlinien zu überdenken und anzupassen.


 



Regulation
06.12.12
Max

Aus der Perspektive der Entwicklung ist das Vorgehen von GEA natülich interessant. Und richtig interessant wird es, wenn Urteile vorliegen. Wir werden ja sehen, wie die Sache ausgeht - und hoffen das Beste für Heini Staudinger. Das Vorgehen, den gesetzgeber vor vollendete Tatsachen zu stellen ist aber auch aus anderen Zusammenhängen bekannt (Entführungen, Bankpleiten,...) und der Gesetzgeber wird sich hüten auf solche Übertretungen weich zu reagieren. Das wäre ja glatt eine Aufforderung zur Gesetzesübertretung.


Trotzdem finde ich gerade den Fall GEA sehr interessant (er wird übrigens auch in der Schweiz und in Deutschland diskutiert), da er auch auf ein generelles Problem aufmerksam macht: die Überregulierung im Finanzbereich, der man sich möglichst nicht unterordnen will. Einerseits kann man (fast) jeder Regelung ihren Sinn nicht absprechen. Andererseits verwendet ein Finanzinstitut einen guten Teil der Ressourcen für regulatorische Anforderungen und Neuerungen. Derzeit in Arbeit: Umstellung auf Basel III, Einführung Steuerabkommen (CH), Umstellung auf den internationalen Ansatz der Eigenmittelberechnung,... Und jede Änderung braucht nicht nur neue Prozesse, sondern in der Regel auch neue Software und neues Know-How. Die Häufigkeit der Anpassungen ist so stark gestiegen, dass mittlerweile bereits Ausführungsvorschriften (bzw. Termine) vorgeschrieben werden, ohne dass eine Gesetzesvorlage existiert. Dann werden Millionen investiert und das Gesetz kommt nicht zustande. Naja, manche werden sagen die Banken sind selber schuld. Vielleicht sind sie das auch. Aber die Gier der Anleger hat auch ihren Anteil (von wegen Konsumentenschutz).


Dass Heini Staudinger einen Weg der Finanzierung sucht, der diesem ganzen Wahnsinn (und den damit verbundenen Kosten) nicht unterworfen ist, ist mehr als verständlich. Wie die FMA reagiert ist mehr als spannend.


Als Banker hat man oft einfach den Wunsch seine Arbeit zu machen und Menschen bei Finanzthemen zur Seite zu stehen. Dann kann es frustrierend werden, wenn die Ressourcen von dort abgezogen werden, um (oft rein formalistische) Regulatorien zu erfüllen. Der Kunde bleibt dann im Regen stehen - oder vor einem Automaten (!) ...



Crowd Funding
07.12.12
Ralf

Max, ich sehe es auch so. Besonders die Problematik der zunehmenden Regulierung ist ein Thema. Banken und Finanzen werden in Summe intransparenter und sind nur einer kleiner werdenden Expertenklientel zugänglich. Kaum ein Banker hat den gesamten Überblick über alle Gesetze. Außerdem wird dadurch regulatorischer Abitrage erst recht wieder Tür und Tor geöffnet (siehe Artikel Effizienz vs. Sicherheit). Mir kommt es so vor, als ob jene Personen/Gruppen die laut mehr Regulierung des Finanzwesens fordern, jetzt mehr Freiheit in der Unternehmensfinanzierung vom BWG verlangen. Als ob es wichtig wäre, die „Bösen Banken“ zu zügeln und den “Guten Anderen“ Freiheiten zu geben. Scheint mir zu simpel, fast schon schon lustig[1].   Ein Anwaltsfreund meinte, dass der Fall des BWG Übertritts durch die Waldviertler nicht so eindeutig ist, das darin nur die gewerbsmäßige Kreditvergabe verboten wird. Fraglich ist, ob einmalig schon gewerbsmäßig ist. Will aber eigentlich gar nicht in diese Diskussion einstiegen. Da diese juristischen Spitzfindigkeiten das Problem nicht lösen.


Es war klar, dass Basel II die alten weichen Kriterien wie Dauer und Qualität der Kundenbeziehung gegenüber Hard Facts schwächt und gerade die österreichische und deutsche kleinstrukturierte Unternehmenslandschaft treffen wird. Auch wurde dadurch die persönliche Beziehung zwischen dem Kreditnehmer und dem Kundenbetreuer weniger wichtig. Das war Thema meiner Diplomarbeit. Basel III erhöht die Eigenkapitalanforderungen nun nochmals und erhöht die Stabilität aber erschwert die Kreditvergabe und damit die Situation für Kleinunternehmen (die oft die höchsten Risiken haben).


Mich würde eure Meinung zu den Plattformen interessieren? Diese erleben gerade einen Boom in Deutschland und die ersten Projekte stehen in Österreich in den Startlöchern[2]. Die Wirtschaftskammer und Grüne[3] fordern mehr Crowd Funding Finanzierungsmöglickeiten. Die Forderung der Grünen Wirtschaft an die Wirtschaftskammer lautet, dass ein detailliertes Konzept zu diesen Eckpunkten ausgearbeitet werden soll:



  • Maximalbetrag der insgesamt aufgenommenen Summe;

  • Maximalbetrag des Darlehens pro Kreditgeber/in;

  • Minimale Transparenzpflichten bzgl. der Unternehmenssituation und des zu finanzierenden Projektes (vereinfachte Prospektpflicht);

  • Verbot, solche Mikrokreditgeschäfte gegen Provision über Dritte zu vermitteln oder zu Finanzprodukten zu bündeln;

  • Nachrangigkeitsklausel mit entsprechender Warnung der KreditgeberInnen, d.h. keinerlei Einlagensicherung durch die öffentliche Hand.


Diese sind ja unseren Punkten ähnlich. Es gibt aber keinen Intermediär – Treuhandstelle, außer die Plattform übernimmt so ein Screening. Welche Punkte fehlen Euch sonst noch aus der Perspektive NGO und der Perspektive Bank?  Stimmig?


Marion, hast du was bezüglich Treuhand in Österreich rausgefunden?





[1] Ich empfehle Shillers Buch für einen guten Blick auf die systemischen Probleme: Robert Shiller, Finance and the Good Society


[2] http://www.1000x1000.at/


[3] http://www.gruenewirtschaft.at/content/site/bund/home/index.html?ts=0.063588001354870412